Digitaler Nachlass vorsorgen: Was du jetzt regeln solltest
Über Versicherungen und Patientenverfügungen machen sich viele Menschen Gedanken. Aber was passiert mit deinen E-Mails, Fotos in der Cloud oder Facebook-Profil, wenn du nicht mehr selbst darauf zugreifen kannst? Für den digitalen Nachlass vorsorgen bedeutet, dass deine Angehörigen im Ernstfall wissen, wo deine wichtigen Daten liegen und wie sie darauf zugreifen können. In diesem Artikel erfährst du, welche digitalen Daten besonders wichtig sind und wie du schon heute Vorsorge treffen kannst.
Was gehört alles zum digitalen Nachlass?
Viele unterschätzen, wie viele digitale Spuren wir im Internet hinterlassen. Zum digitalen Nachlass gehören alle Online-Konten, Daten und Zugänge, die du im Laufe der Jahre angelegt hast:
E-Mail-Konten wie Telekom, GMX, Web.de oder Gmail sind besonders wichtig. Über sie kannst du oft andere Konten wiederherstellen oder löschen lassen.
Online-Banking und Bezahldienste wie PayPal, Amazon Pay oder Kreditkarten-Zugänge enthalten sensible Finanzdaten und laufende Verträge.
Social-Media-Profile auf Facebook, WhatsApp, Instagram oder Telegram. Bei manchen Diensten wie Signal oder Telegram gibt es zusätzliche Zugangsdaten wie eine PIN oder ein Cloud-Passwort, die du unbedingt notieren solltest.
Cloud-Speicher wie iCloud, Google Drive oder OneDrive, in denen oft wichtige Fotos, Dokumente und Erinnerungen gespeichert sind.
Streaming-Abos und Kundenkonten bei Amazon, Netflix, Spotify oder anderen Diensten, die monatlich Geld kosten.
Smartphone und PC-Zugänge, denn ohne PIN oder Passwort sind alle darauf gespeicherten Daten verloren.
Digitale Verträge bei Online-Versicherungen oder anderen Anbietern, die keine Filiale haben.
Kryptowährungen und Online-Wallets, falls du solche nutzt. Hier sind die Sicherheitsschlüssel besonders wichtig, denn ohne sie ist das Geld wertlos.
Welche Konten sind besonders wichtig?
Nicht alle digitalen Konten haben die gleiche Priorität. Drei Bereiche sind im Ernstfall besonders kritisch:
Das E-Mail-Konto ist das Wichtigste überhaupt. Über deine E-Mail-Adresse lassen sich fast alle anderen Konten wiederherstellen oder löschen. Wenn du ein Android-Handy oder iPhone nutzt, hast du automatisch auch eine Gmail-Adresse oder Apple-ID. Auch wenn du diese im Alltag kaum nutzt, laufen darüber wichtige Hintergrundprozesse. Ohne Zugang zu diesem Konto sind oft alle Daten auf dem Smartphone verloren.
Online-Banking und Bezahldienste stehen an zweiter Stelle. Hier geht es um laufende Verträge, Abbuchungen und möglicherweise Rücklagen. Deine Angehörigen müssen Verträge kündigen oder Konten auflösen können.
Cloud-Speicher werden oft unbewusst genutzt. Viele Handys sichern Fotos automatisch in der Cloud, ohne dass du es aktiv merkst. Erst wenn der Speicher voll ist, kommt eine Meldung. In diesen Clouds liegen oft wichtige Erinnerungen, die du nicht verlieren möchtest.
Wie sorge ich konkret für meinen digitalen Nachlass vor?
Der erste Schritt ist eine Bestandsaufnahme. Nimm dir Zeit und schreibe auf, welche Online-Konten du hast. Dazu gehören:
- Alle E-Mail-Adressen (auch die, die du selten nutzt)
- Social-Media-Profile
- Online-Banking und Bezahldienste
- Cloud-Speicher
- Streaming-Abos und Online-Shops
- Versicherungen mit Online-Zugang
- Smartphone- und PC-Zugänge
Zu jedem Konto notierst du am besten:
- Die Website oder App
- Den Benutzernamen oder die E-Mail-Adresse
- Das Passwort
- Eventuelle Sicherheitsschlüssel oder Wiederherstellungs-Codes
- Die hinterlegte E-Mail-Adresse zur Wiederherstellung
Wo und wie speichere ich die Zugangsdaten sicher?
Die Frage nach dem sicheren Aufbewahrungsort ist entscheidend. Es gibt verschiedene Möglichkeiten:
Passwortmanager sind eine praktische Lösung. Sie speichern alle deine Passwörter verschlüsselt an einem Ort. Wichtig ist dann aber, dass deine Angehörigen das Master-Passwort für den Passwortmanager kennen oder es an einem sicheren Ort hinterlegt ist.
Handschriftliche Listen kannst du zu Hause an einem sicheren Ort aufbewahren, zum Beispiel zusammen mit anderen wichtigen Dokumenten. Achte darauf, dass vertrauenswürdige Personen wissen, wo diese Liste liegt.
Digitale Dokumente wie Excel-Tabellen oder PDF-Dateien sollten verschlüsselt oder zumindest passwortgeschützt sein. Speichere sie nicht ungeschützt auf dem Computer.
Egal welche Methode du wählst: Mindestens eine Vertrauensperson sollte wissen, wo deine Zugangsdaten zu finden sind und wie sie darauf zugreifen kann.
Was kann ich bei Social Media regeln?
Viele Social-Media-Plattformen bieten eigene Funktionen für den Nachlass an:
Facebook ermöglicht dir, einen Nachlasskontakt zu benennen. Diese Person kann im Ernstfall dein Profil in einen Gedenkzustand versetzen oder löschen lassen. Du kannst diese Einstellung in deinem Konto unter Einstellungen und Privatsphäre vornehmen.
Instagram gehört zu Facebook und bietet ähnliche Möglichkeiten. Auch hier kannst du festlegen, was mit deinem Profil passieren soll.
WhatsApp, Telegram und Signal sichern Konto und Chats mit eigenen Zugangsdaten. Bei WhatsApp schützt ein 64-stelliger Schlüssel oder ein selbst gewähltes Passwort das verschlüsselte Backup deiner Chats. Bei Signal ist es eine selbst gewählte PIN, bei Telegram ein Cloud-Passwort (die sogenannte Zwei-Schritte-Bestätigung). Für den Nachlass ist wichtig, dass du diese Zugangsdaten sicher hinterlegst. Ohne sie kommen deine Angehörigen nicht an die Chat-Inhalte. Das Konto selbst können sie aber trotzdem löschen lassen, zum Beispiel über die Telefonnummer oder den Support des Anbieters.
Was passiert mit Smartphone-Daten ohne Zugangsdaten?
Moderne Smartphones haben eine eingebaute Diebstahlsperre. Das ist im Normalfall sehr sinnvoll. Im Ernstfall kann sie aber zum Problem werden:
Wenn niemand den PIN-Code oder das Passwort kennt und auch die Zugangsdaten zum Google-Konto oder zur Apple-ID fehlen, werden beim Zurücksetzen des Geräts alle Daten unwiederbringlich gelöscht. Das Smartphone wird unbrauchbar, und alle Fotos, Nachrichten und Kontakte sind verloren.
Deshalb ist es so wichtig, dass du folgende Informationen sicher hinterlegst:
- PIN oder Entsperrmuster deines Smartphones
- Passwort für dein Google-Konto (Android) oder deine Apple-ID (iPhone)
- Informationen zur Wiederherstellung dieser Konten
Viele Daten werden heute automatisch in der Cloud gesichert. Aber nur mit den richtigen Zugangsdaten können deine Angehörigen darauf zugreifen.
Besondere Vorsicht bei Kryptowährungen
Falls du Kryptowährungen besitzt oder ein Online-Wallet nutzt, ist besondere Vorsicht geboten. Hier gibt es in der Regel spezielle Sicherheitsschlüssel, die aus einer langen Reihe von Wörtern bestehen.
Ohne diesen Schlüssel ist das gesamte Guthaben verloren. Es gibt keine Bank und keine Kundenbetreuung, die dir helfen kann. Der Schlüssel ist alles. Bewahre ihn also besonders sicher auf und stelle sicher, dass eine Vertrauensperson im Ernstfall weiß, wo er zu finden ist.
Digitale Verträge nicht vergessen
Immer mehr Versicherungen, Abos und Dienstleistungen werden nur noch online angeboten. Sie sind oft günstiger, aber du hast keine Filiale, in die du gehen kannst. Alle Vertragsunterlagen liegen in deinem Online-Zugang.
Erstelle eine Liste dieser Verträge und notiere die Zugangsdaten. So können deine Angehörigen:
- Verträge rechtzeitig kündigen
- Unnötige Kosten vermeiden
- Versicherungsleistungen geltend machen
- Alle Vertragsunterlagen einsehen
Gerade bei Verträgen mit monatlichen Abbuchungen ist es wichtig, dass diese nicht einfach weiterlaufen.
Wann ist der richtige Zeitpunkt für die Vorsorge?
Der beste Zeitpunkt, um deinen digitalen Nachlass zu regeln, ist jetzt. Es ist wie bei anderen Vorsorgethemen auch: Niemand beschäftigt sich gerne damit, aber wenn der Fall eintritt, sind alle froh, wenn alles geregelt ist.
Du musst nicht alles an einem Tag erledigen. Fang einfach an:
- Erstelle eine Liste deiner wichtigsten Online-Konten
- Notiere die Zugangsdaten an einem sicheren Ort
- Sprich mit einer Vertrauensperson darüber, wo diese Informationen zu finden sind
- Aktualisiere die Liste regelmäßig, wenn du neue Konten anlegst
Mit jedem kleinen Schritt machst du es deinen Angehörigen im Ernstfall leichter. Sie müssen sich dann nicht durch unzählige Konten und Passwörter rätseln, sondern finden alles übersichtlich vor.
Das Video ansehen
Im ausführlichen Schulungsvideo erfährst du noch mehr Details zum Thema digitaler Nachlass und bekommst konkrete Tipps für die praktische Umsetzung. Die Referentin erklärt Schritt für Schritt, worauf du achten solltest und welche Fallstricke es gibt.
Kommentare (0)
Du musst angemeldet sein, um einen Kommentar zu schreiben.
Jetzt anmeldenNoch keine Kommentare. Sei der Erste!